Dieses Lernziel verlangt von euch, die Rolle von Religion in modernen, säkularisierten Gesellschaften zu analysieren – also in einer Welt, in der religiöse Institutionen und Praktiken an gesellschaftlicher Deutungsmacht verlieren, während individuelle Glaubensfragen dennoch relevant bleiben. Ihr sollt verstehen, welche psychologischen, sozialen und kulturellen Funktionen Religion für den Einzelnen (z. B. Sinnstiftung, Identitätsbildung, Trost) und für die Gesellschaft (z. B. Kohäsion, Normenstiftung, Konfliktregulierung) erfüllt, auch wenn sie nicht mehr als verbindliche Weltdeutung gilt. Dafür müsst ihr nicht nur klassische Theorien wie Durkheims These von Religion als „sozialem Kitt“ oder Freuds religionskritische Deutung als „Illusion“ kennen, sondern auch aktuelle Phänomene wie individuelle Spiritualität, säkulare Rituale oder die Instrumentalisierung von Religion in politischen Konflikten einordnen können. Zudem sollt ihr in der Lage sein, diese Funktionen kritisch zu hinterfragen – etwa ob Religion heute eher integrierend oder spaltend wirkt oder ob ihre Funktionen durch säkulare Alternativen (z. B. Humanismus, Wissenschaft) ersetzt werden können. Abschließend geht es darum, diese Erkenntnisse argumentativ zu nutzen, um aktuelle Debatten (z. B. über Kopftuchverbote, Laizismus oder die Rolle der Kirche in der Klimakrise) ethisch fundiert zu diskutieren.